italienische Literatur.

italienische Literatur.
 
Die Eigenständigkeit des Italienischen gegenüber dem Lateinischen ist zumindest seit dem 10. Jahrhundert fassbar, dennoch bildete sich eine selbstständige italienische Literatur erst zwei Jahrhunderte später heraus.
 
 Die Anfänge
 
Für diesen späten Beginn mögen zwei Gründe ausschlaggebend gewesen sein: Zum einen existierte ein umfangreiches mittellateinisches Schrifttum auf der Apenninenhalbinsel, das z. B. in den Klöstern Bobbio und Monte Cassino besonders gepflegt wurde: durch die Nähe des Italienischen zum Lateinischen konnten die intellektuellen Bedürfnisse damit befriedigt werden; zum anderen war Italien jahrhundertelang Invasionen ausgesetzt, die die Entwicklung einer zentralistisch orientierten Sozialstruktur verhinderten. Dies begünstigte zwar die Entstehung der italienischen Stadtstaaten, benachteiligte die Pflege einer nationalen Literatur jedoch erheblich. So finden sich - nach einigen alltags- und rechtssprachlichen Gebrauchstexten - erste schriftlich überlieferte Zeugnisse der literarischen Verwendung italienischer Dialekte in dem »Ritmo laurenziano», einer Spielmannsbitte aus dem 12. Jahrhundert, und bei dem provenzalischen Troubadour Raimbaut De Vaqueiras (* Ende des 12. Jahrhunderts, ✝ Anfang des 13. Jahrhunderts), der als einer der Ersten seiner Zunftgenossen ein italienisches Publikum mit seinen Dichtungen unterhielt.
 
Bevorzugte Dichtersprache war jedoch das Provenzalische. Die in den Albigenserkriegen bedrohte und im 13. Jahrhundert vernichtete höfische Kultur Südfrankreichs wurde durch die Troubadoure nach Italien gebracht. Auch italienische Dichter verwendeten die provenzalische Sprache, so Sordello. Die am Hofe Kaiser Friedrichs II. gepflegte Dichtung war zwar südfranzösisch beeinflusst, fand jedoch, erstmals für die italienische Literatur, durch die Sizilianische Dichterschule eine eigene Ausprägung. Die provenzalischen Themen und Formen wurden in eine sizilianisch-italienische Literatursprache übertragen und abgewandelt. Das Sonett hat hier seinen Ursprung, es wurde zuerst verwendet von Giacomo da Lentini, der zusammen mit Pier della Vigna als Hauptvertreter der Schule gilt. Wichtige Impulse erhielt die frühe italienische Literatur auch durch die von der franziskanischen Bewegung inspirierte Laudendichtung (der Sonnengesang des Franz von Assisi, die dialogische »Laude«, herausgegeben 1490, des Iacopone da Todi).
 
Mit dem Ende der Stauferherrschaft (1266) verlagerten sich die Zentren des kulturellen Lebens nach Oberitalien, v. a. nach Bologna und Florenz. Mit dem Dolce stil nuovo löste sich die italienische Literatur von ihrem südfranzösischen Modell und entwickelte die toskanische Mundart zur Literatursprache. Nach scholastischen Grundsätzen wurde nun in der geistigen Anschauung des Schönen (also auch der Frau) das Fundament spiritueller Liebe gesehen. Hauptvertreter dieser hochartifiziellen Dichtung waren u. a. Guittone d'Arezzo, Guido Guinizelli (* zwischen 1230 und 1240, ✝ um 1276), G. Cavalcanti, Cino da Pistoia, D. Frescobaldi (* nach 1271, ✝ vor 1316) und der junge Dante Alighieri, der den Begriff für die neue Richtung prägte. Sein Zeitgenosse C. Angiolieri verkehrte den hohen Ton der Minnelyrik in Spott und Satire. Noch aber war die Stellung des Italienischen als Literatur- und Wissenschaftssprache nicht endgültig gesichert. B. Latini schrieb seine Laienenzyklopädie »Li livres dou trésor« (entstanden etwa 1265) in altfranzösischer Sprache, Rusticiano (auch Rustichello) da Pisa (* 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, ✝ Anfang des 14. Jahrhunderts) verfasste 1298/99 den Reisebericht Marco Polos »Il milione« in frankoitalischer Mundart, und in Oberitalien trugen Spielleute altfranzösische Epen aus dem karolingischen Zyklus (Karlsgeste) in frankoitalischer Mischsprache vor (u. a. »Berta da li pe grandi«, »Karleto«), in denen die aristrokratischen Elemente der Originale einer bürgerlichen Lebenswelt angepasst wurden.
 
 Trecento (14. Jahrhundert)
 
Auf diese ersten Zeugnisse einer Literatur in italienischer Sprache folgte mit dem Werk Dantes unmittelbar der Gipfelpunkt der italienischen Literatur. Seine an die Idealgestalt Beatrice gerichteten Minnelieder und Sonette verkörpern noch den Dolce stil nuovo, mit den nach 1300 entstandenen Rime und Kanzonen erreichte er seine technische Meisterschaft. Verstrickt in die Machtkämpfe seiner Zeit, legte er seine (gegen päpstliche Ansprüche gerichteten) politischen Überzeugungen in dem lateinischen Werk »De monarchia« (entstanden zwischen 1310 und 1315) nieder. Sein Hauptwerk, das Epos »Divina Commedia« (vollendet 1321), eines der Monumente der Weltliteratur, bietet eine umfassende Deutung der Stellung von Individuum und Gesellschaft, privater Passion und öffentlichem Engagement im geistigen Kosmos des Mittelalters. In dem Traktat »De vulgari eloquentia« (entstanden nach 1305, gedruckt 1529) nennt Dante die Konstituenten einer literarischen Hochsprache, deren Würde und Kraft bei entsprechender Behandlung die dialektal geeignetste Form der Volkssprache, für Dante das Toskanische, ebenfalls erreichen kann.
 
Obwohl damit auch theoretisch eine sichere Basis für die Verwendung der Volkssprache in der Literatur gegeben war, erwachte zu Beginn dieses Jahrhunderts ein neues Interesse an der antiken Dichtung, gefolgt von dem Bestreben, die lateinische Dichtung neu erstehen zu lassen (u. a. in Padua durch A. Mussato). Der paduanische Humanismus fand seine Fortsetzung im Werk der beiden neben Dante bedeutendsten Dichter des 14. Jahrhunderts, F. Petrarca und G. Boccaccio. Obwohl beide noch in vielem dem mittelalterlichen Denken verhaftet waren, leiteten sie dennoch eine neue Epoche ein. Petrarca schuf die Grundlagen zu einer philologischen Erforschung der Antike. Systematisch sammelte er antike Handschriften und sorgte durch Abschriften für ihre Verbreitung. Die Begeisterung für das Altertum teilte er in zahlreichen lateinischen Prosabriefen und metrischen Episteln einem großen europäischen Freundeskreis mit. Sein Ruhm bei der Nachwelt beruht aber v. a. auf seiner Liebesdichtung in italienischer Sprache, Kanzonen und Sonette an die ideale Geliebte Laura (zusammengefasst in »Il canzoniere«, herausgegeben 1470). Petrarca verband die Spiritualität des Dolce stil nuovo und die Traditionen des provenzalischen Minnesangs (er lebte lange in Avignon) mit persönlicher, leidenschaftlicher Empfindung. Damit prägte er die italienische und darüber hinaus die europäische Lyrik der folgenden Jahrhunderte. Der Dritte der überragenden Vertreter der italienischen Literatur des Trecento ist Boccaccio. Auch er gehörte zu den Frühhumanisten. Ein großer Teil seines Werkes ist in lateinischer Sprache abgefasst, so das gelehrte Handbuch der antiken Mythologie »De genealogis deorum gentilium« (entstanden 1347-60) und eine geographisch-historische Realienkunde (»De montibus, silvis, fontibus. ..«, entstanden etwa 1360-62). Sein Hauptwerk jedoch, das »Decamerone« (entstanden 1348-53), das auf der Tradition der didaktisch-exemplarischen und burlesken Kurzerzählungen des lateinischen und des volkssprachlichen europäischen Mittelalters aufbaut, zeichnet durch die einzelnen Novellen und ihren Rahmen die Vielfalt menschlicher Beziehungen in ihren sozialen Kontexten auf und eroberte in stilistischer Anlehnung an Cicero der einfachen Erzählung öffentlicher Bereiche, die zuvor allein theologisch-didaktischen oder lyrisch-kasuistischen Reflexionen offen standen. Das »Decamerone« bereitete den Weg der Novelle nicht nur in Italien, sondern auch in allen anderen westeuropäischen Literaturen, denen es zugleich ein unerschöpfliches Stoffreservoir wurde.
 
Die übrige Literatur des 14. Jahrhunderts war in Lyrik und allegorischer Dichtung von Dante, später von Petrarca beeinflusst. Im Vordergrund stand die lehrhafte Dichtung (F. degli Uberti). Mit D. Compagnis Chronik von Florenz und der Weltchronik von G. Villani setzte die Geschichtsschreibung ein. Unter dem Einfluss Boccaccios stand die Novellendichtung eines F. Sacchetti. Unterdessen wurden die in Oberitalien in frankoitalischer Mischsprache verbreiteten Karls- und Artusepen ins Toskanische übertragen, teils in Prosa, teils in Ottave rime. Neben der höfischen Minnedichtung gewann eine satirische bürgerliche Dichtung (A. Pucci u. a.) immer stärker an Beliebtheit.
 
 Quattrocento und Cinquecento (15. und 16. Jahrhundert): Humanismus und Renaissance
 
Petrarcas Wertschätzung des klassischen Latein weist voraus auf das Zeitalter von Humanismus und Renaissance. Das neue Lebensgefühl, die Wiedergeburt (»rinascita«) der Antike, die Loslösung vom mittelalterlichen Weltbild, all das hatte in Italien seinen Ursprung. Das Mäzenatentum der reichen Stadtstaaten bot den Dichtern und Gelehrten gute Arbeitsmöglichkeiten. Erstes bedeutendes Zentrum der italienischen Literatur der Renaissance war Florenz, daneben traten als Mittelpunkte geistigen Lebens im 15. Jahrhundert Neapel und Ferrara, im 16. Jahrhundert u. a. Rom, Venedig und Urbino.
 
Die Literatur suchte zunächst ihr stilistisches Vorbild bei den klassischen lateinischen Autoren, v. a. bei Cicero, man forschte nach antiken Handschriften und übersetzte lateinische Werke ins Italienische (L. Bruni, G. F. Poggio Bracciolini, F. Filelfo); erstmals wandte man sich dem Studium griechischer Autoren zu, da mit dem Fall von Byzanz (1453) griechische Manuskripte nach Italien gelangten. L. Valla, eigentlicher Begründer der modernen Textkritik, übersetzte u. a. Homer und Herodot. Zum Studium der Antike wurden gelehrte Gesellschaften (Akademien) gegründet, in Rom von J. Pomponius Laetus, in Neapel von A. Panormita und G. Pontano. Die Versöhnung von platonischer Philosophie und christlicher Heilslehre erstrebten die florentinischen Neuplatoniker M. Ficino, C. Landino und G. Pico della Mirandola. Man bediente sich des Lateinischen in der Memoirenliteratur, in Geschichtswerken (L. Bruni, L. Valla), v. a. aber in der Lyrik.
 
Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts entdeckten die Humanisten wieder Wert und Würde der italienischen Volkssprache (Volgare). L. Bruni schrieb ein Leben Dantes (1436); zugleich versuchte man die Nachahmung der antiken Dichtung in italienischer Sprache, auch in der Nachbildung antiker Metren. Dies war das Programm des von L. B. Alberti angesetzten Dichterwettstreits in Florenz 1441. Alberti, der außerdem das humanistische Erziehungsideal in italienisch geschriebenen Traktaten verkündete (»Della famiglia«, entstanden 1437-41) wurde damit zum Begründer des Humanismus in italienischer Sprache (Umanesimo volgare), während er seine gelehrten Werke in lateinischer Sprache schrieb.
 
Seit dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts durchdrangen lateinische und italienische Dichtung einander. Die großen Dichter nutzten beide Sprachen, neulateinische Werke wurden mit Motiven aus der italienischen Dichtung durchsetzt, während die italienisches antikes Gedankengut und nach Möglichkeit auch antike Formen übernahmen. In Florenz rief Lorenzo de' Medici, genannt il Magnifico, zur Erneuerung der italienischen Dichtung auf. Überragende Gestalt an seinem Hof war A. Poliziano, der neben lateinischen Elegien italienischen Balladen und Stanzen sowie das erste weltliche Drama der italienischen Literatur, »Favola d'Orfeo« (entstanden wahrscheinlich 1480), verfasste. Auch die epische Dichtung hatte an der literarischen Blüte teil: I. Sannazaro begründete mit seinem italienischen Roman »Arcadia« (1502, vollständig 1504) die europäische Schäferdichtung. Die von Frankreich überkommene oberitalienische Karlsepik wurde in Florenz durch Übernahme komischer Züge und einheimischen Sagengutes vollends eingebürgert im Epos vom Riesen Morgante (»Il Morgante«, Teilfassung 1478, endgültige Fassung 1483 unter dem Titel »Il Morgante maggiore«) des L. Pulci. Aus dem gleichen Themenkreis schöpfte M. M. Boiardo, im Dienst der Este in Ferrara stehend, den Stoff für sein romantisches Epos »Orlando innamorato« (entstanden 1476-94), passte aber die mittelalterliche Vorlage genial dem neuen Lebensgefühl an.
 
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erlangte das Italienische die volle Gleichberechtigung mit dem Lateinischen, nachdem der Venezianer P. Bembo für die italienische Lyrik die Sprache Petrarcas, für die Prosa die Boccaccios als sprachliches und stilistisches Muster vorgeschrieben hatte (»Prose della volgar lingua«, 1525). Die Poetiken von G. G. Trissino, A. Minturno (* 1500 [?], ✝ 1574) und L. Castelvetro definierten, sich auf die Regeln des Aristoteles stützend, die Merkmale und Grenzen der Dichtungsgattungen. In der Lyrik herrschte nach dem Vorbild Bembos die platonisierende Dichtung im Stil Petrarcas (L. Ariosto, A. Caro, B. Tasso, G. Della Casa, Veronica Gambara, Gaspara Stampa, Michelangelo, Vittoria Colonna u. a.). Origineller waren die um die Mitte des Jahrhunderts in Neapel wirkenden Manieristen L. Tansillo und A. di Costanzo. Den Petrarkismus parodierte F. Berni. Die neulateinischen Lyriker und Epiker (G. Fracastoro, M. G. Vida u. a.) wirkten gleichfalls auf die zeitgenössische Literatur Europas.
 
In der italienischen Renaissance erlangte das Epos seine letzte Blüte: L. Ariosto setzte mit dem »Orlando furioso« (1516) Boiardo fort. Nicht minder zeittypisch ist das die ritterliche Fantasiewelt der Rolandsepen und die Formstrenge der Neulateiner wie der Petrarkisten parodierende lateinische Epos »Baldus« (4 Fassungen, 1517-52) des T. Folengo. Das erste streng nach den Regeln der antiken Poetik gebaute italienische Epos verfasste Trissino (»La Italia liberata da Gotthi«, 1547/48), das dichterisch weit übertroffen wird von dem christlichen Epos T. Tassos, »La Gerusalemme liberata« (1581).
 
In der Dramatik wurde die italienische Literatur gleichfalls führend in Europa: Die erste nach den aristotelischen Regeln verfasste Komödie schrieb Ariosto (»La cassaria«, Uraufführung 1508). Ein Meisterwerk realistischer Wiedergabe des zeitgenössischen italienischen Lebens ist das Lustspiel »Mandragola« (erschienen zwischen 1518 und 1520) von N. Machiavelli. A. Beolco, genannt il Ruzzante, und Andrea Calmo (* 1510 [?], ✝ 1571) legten durch die Verwendung der Mundarten den Grund zu dem um die Jahrhundertmitte aufkommenden Stegreifspiel der Berufsschauspieler, der Commedia dell'Arte mit ihrem typischen Personeninventar, die bis weit ins 18. Jahrhundert in ganz Europa verbreitet war und die Entwicklung des europäischen Theaters bis in die Gegenwart entscheidend beeinflusste. Die erste den Regeln der klassischen Poetik entsprechende Tragödie verfasste Trissino (»Sophonisbe«, 1524). Gegen Ende des Jahrhunderts entwickelte sich aus der (Vergil nachempfundenen) dialogischen Ekloge und dem Fantasiearkadien Sannazaros eine neue, der Antike unbekannte Gattung, das Schäferstück. Nach den ersten Versuchen von G. Giraldi u. a. in der ersten Jahrhunderthälfte schufen T. Tasso mit dem Schäferspiel »Aminta« (Uraufführung 1573, erschienen 1580) und G. B. Guarini mit dem Spiel »Il pastor fido« (1590) Meisterwerke, die bald in ganz Europa Nachahmer fanden.
 
Die Prosaerzählung knüpfte an Boccaccio an: So schilderten M. Bandello, G. Straparola und A. Firenzuola wirklichkeitsnah die zeitgenössische Gesellschaft. Als Geschichtsschreiber trat N. Machiavelli hervor, der aus humanistischem Geist den ersten theoretischen Traktat über das Wesen der Politik verfasste (»Il principe«, veröffentlicht 1532). Seine »Istorie fiorentine« (gedruckt 1531) wurden jedoch durch den größeren politischen Scharfblick der Geschichtswerke (»Storia d'Italia«, herausgegeben 1561-64) seines Landsmannes F. Guicciardini übertroffen. Die humanistische Gattung des Kunstbriefes übertrug der als Kritiker gefürchtete P. Aretino in die italienische Literatur. Seine »Lettere« (1537-57) bieten einen Querschnitt durch das geistige und politische Leben der Zeit. In der Gattung der Autobiographie ragte die von Goethe 1803 übersetzte »Vita« (entstanden 1558-66, herausgegeben 1728) des Goldschmiedes B. Cellini hervor. Am Ende des Jahrhunderts versuchte die Accademia della Crusca (gegründet 1582) der Sprache feste Normen zu geben.
 
 Seicento (17. Jahrhundert): Barock und Manierismus
 
Parallel zu den politischen, ökonomischen und sozialen Umbrüchen in Italien gegen Ende des 16. Jahrhunderts verlor die italienische Literatur in Europa ihre vorbildhafte Rolle. Verändertes Lebensgefühl und gewandelter Geschmack kündigten sich im Werk Tassos, v. a. aber G. Marinos an. Erschloss Letzterer der Dichtung noch neue fantastische Inhalte, die mit einer »Staunen erregenden« Verwandlung der Sprache einhergingen (Epos »Adone«, 1623; Marinismus), so beschränkten sich die nachfolgenden Autoren auf blasse Imitationen, die von der Mode der Concetti beherrscht wurden (z. B. G. Chiabrera).
 
Zugleich erlebte dieses Jahrhundert den Aufstieg einer neuen Gattung, der Oper, die die gesamte gebildete Welt erobern sollte. Mundartdichtung - dazu gehört auch G. Basiles Sammlung neapolitanischer Volksmärchen »Lo cunto de li cunti« (herausgegeben 1634-36, seit 1674 unter dem Titel »Pentamerone«) - auf der einen und heroisch-komische Epik - wie z. B. A. Tassonis Epos »La secchia rapita« (1622) - auf der anderen Seite bezeugen, welche Auswege man literarisch suchte. Den Primat des Lateinischen in der wissenschaftlichen Literatur brach G. Galilei in seinen Schriften. Philosophen von Rang waren v. a. G. Bruno und T. Campanella.
 
 Settecento (18. Jahrhundert): Klassizismus und Aufklärung
 
Auf die Auswüchse manieristischer Metaphorik bei Marino und seinen Nachfolgern reagierte die 1690 in Rom begründete Accademia dell'Arcadia (Arkadier). Sie wollte zurück zu einer einfachen Sprache und die italienische Dichtung von vergangener »Barbarei« befreien. Denkansatz und Verwirklichung waren jedoch zu schlicht, um erneuernd wirken zu können. Ihre Poetik schrieb G. V. Gravina (»Della ragion poetica«, 1708), der die erste italienische Literaturgeschichte (1698) des G. M. Crescimbeni förderte. Die durch die Arcadia hervorgerufene Wendung führte zur anakreontischen Lyrik, deren früher Vertreter C. I. Frugoni war.
 
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gingen von Italien wieder bedeutende Impulse für das europäische Theater aus: C. Goldoni reformierte die Commedia dell'Arte, die fantastischen Märchenstücke seines Rivalen C. Gozzi wurden viel bewundert und gespielt. Weitere erfolgreiche Dramatiker waren V. Alfieri und P. Chiari, v. a. aber P. Metastasio, der die heroischen Stoffe mit lyrischem Ausdruck auf die Bühne brachte; seine Melodramen wurden von fast allen zeitgenössischen Komponisten vertont, er war auch als Verfasser arkadischer Rokokolyrik bedeutend. Formvollendete, im Sinne der Aufklärung zeitkritische Lyrik schrieb G. Parini. Die Ideen der italienischen Aufklärung wurden jedoch besonders in philosophischen, wissenschafts- und literaturkritischen Schriften entwickelt: G. B. Vicos Geschichtstheorie entwarf ein Bild von der relativen Wirksamkeit der Historie, das weite Bereiche von Literatur und Wissenschaft der Folgezeit in Deutschland und Frankreich beeinflusste und mit zu jenem »Paradigmawechsel« beitrug, der die Entwicklung der europäischen Romantik begünstigte. Zahlreiche Zeitschriften wie die »Gazzetta veneta« (1760/61), der »Osservatore veneto« (1761/62), die »Frusta letteraria« (1763-65) und »Il Caffè« (1764-66) verbreiteten das Gedankengut der Aufklärung, die in Italien herausragende Vertreter fand: die Brüder P. und A. Verri, den Rechtsreformer C. Beccaria, den ökonomisch interessierten Abbé F. Galiani (* 1728, ✝ 1787). Ein geistig-literarisches Risorgimento fand in diesem Jahrhundert statt, das Vorspiel auch der politischen Bewegung des folgenden Jahrhunderts war.
 
 Ottocento (19. Jahrhundert): Romantik, Risorgimento, Verismus
 
Die Romantik in Italien war, bedingt durch die Herrschaft ausländischer Mächte, stark von politischen Zielen beherrscht. Das politisch inspirierte Werk U. Foscolos kündigte die neue Orientierung der italienischen Literatur an. 1816 erschien ein Artikel der Madame de Stäel, der den Italienern nahe legte, fremde Literaturen durch Übersetzungen kennen zu lernen, pedantische Gelehrsamkeit, Mythologie und Rhetorik aus der Dichtung zu verbannen. Aus der sich anschließenden Polemik ergab sich eine der Grundthesen der europäischen Romantik: Die Kunst ist autonom. Dies aber kann sie nur in einer freien Gesellschaft sein. Die Literatur hatte also eine wesentliche Funktion in dem geistigen Umbruch, der dem Risorgimento vorausging.
 
Der überragende Vertreter der italienischen Romantik war A. Manzoni. Seine tief religiöse Lyrik vermittelte auch patriotische Ideen. Von christlichen Idealen bestimmt ist der Roman »I promessi sposi« (1. Fassung 1827, endgültige, von Lombardismen gereinigte Fassung 1840-42), bis heute Vorbild für die italienische Kunstprosa. Nach dem Vorbild W. Scotts gestaltete er historisch exakt einen nationalen Stoff, den Kampf gegen die spanische Willkürherrschaft in der Lombardei im 17. Jahrhundert, mit deutlichen Anspielungen auf die zeitgenössische Situation. Neben Manzoni trat als zweite bedeutende Persönlichkeit in der italienischen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der humanistisch gebildete Lyriker G. Leopardi, dessen Lieder individuelles Leiden, Verzweiflung, Todesahnung und Pessimismus, aber auch patriotische Gefühle reflektieren. Dem romantischen Ideal einer volkstümlichen, politisch engagierten Dichtung kam der Mailänder C. Porta am nächsten, er führte die Tradition der Mundartdichtung fort; ihm folgten der gänzlich unpolitische Römer G. G. Belli, später der Neapolitaner S. di Giacomo. Eine zweite romantische Generation versuchte, nach dem Fehlschlag der revolutionären Bewegungen des Jahres 1848 die Intentionen der ersten neu zu fassen und zu intensivieren. Viele Schriftsteller waren direkt an den Kämpfen um die Unabhängigkeit beteiligt oder hatten im liberalen Sardinien-Piemont politische Ämter inne (u. a. I. Nievo, M. d'Azeglio, F. De Sanctis). Die bedeutende italienische Literaturkritik hat im Risorgimento ihren Ursprung. De Sanctis' »Storia della letteratura italiana« (1870/71) verbindet die Entwicklung nationalen Bewusstseins mit der der Literatur.
 
Nach 1860 verloren für die meisten jüngeren Autoren die romantisch-nationalen Ideale ihren Reiz. Die Mailänder Gruppe Scapigliatura orientierte sich an der antibürgerlichen modernen französischen Literatur (v. a. C. Baudelaire); typischer Vertreter waren u. a. der Lyriker E. Praga, der Verdi-Librettist A. Boito, die Romanciers C. Dossi und G. Rovani.
 
Das Vorbild der französischen Literatur prägte die italienische Literatur auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts: G. Verga und L. Capuana entwickelten jedoch aus Elementen des Realismus (H. de Balzac) und Naturalismus (É. Zola) mit dem Verismus eine eigenständige italienische Stilrichtung. Durch den Verismus gelangte die bis dahin in Italien wenig entwickelte Gattung des Romans zur Blüte mit den Werken Matilde Seraos, Grazia Deleddas, Di Giacomos. In der Lyrik brachte der Verismus sprachliche Neuerungen, so die Verwendung der Alltagssprache bei O. Guerrini, neapolitanische beziehungsweise römische Mundart bei Di Giacomo und C. Pascarella.
 
Den bürgerlichen Zeitgeist brachte am treffendsten der Journalist E. De Amicis mit dem erfolgreichen Schülerroman »Cuore« (1886) zum Ausdruck. In den 80er-Jahren wurde der veristische Roman zurückgedrängt durch die psychologischen Romane von A. Fogazzaro (»Malombra«, 1881; »Piccolo mondo antico«, 1895). Der realistischen Tendenz verschloss sich mit seiner klassizistischen Sprache und seiner Wiederaufnahme antiker Dichtungsformen (»Odi barbare«, 1877-89) G. Carducci, bei dem sich der politische Idealismus des Risorgimento mit dem laizistischen Vitalismus verbindet. Von der traditionellen Literatursprache wendete sich der vom Sozialismus mit geprägte Lyriker G. Pascoli ab, der aber auch die Alltagswelt zu eindrucksvoller Symbolik erhob (»Canti di Castelvecchio«, 1903).
 
 Novecento (20. Jahrhundert): Futurismus, Moderne und Gegenwart
 
Wie in den meisten anderen europäischen Literaturen wurden auch in der italienischen Literatur um die Jahrhundertwende die realistischen und naturalistischen Themen und Schreibweisen durch eine Literatur ersetzt, die dem modernen Leben entsprechen sollte. So antwortete G. D'Annunzio auf die harte veristische Sozialkritik mit einem Schönheitskult im Zeichen der Dekadenz. Eine Absage an den historischen Positivismus, den literarischen Verismus, den philosophischen Materialismus erteilten auch führende Zeitschriften, so die florentinische »Leonardo« (1903-07) und »La Voce« (1908-14), beide von G. Prezzolini und G. Papini gegründet, sowie »Lacerba« (1913-15, gleichfalls von Papini gegründet). Papini, der sich nacheinander für fast alle literarischen Strömungen engagierte, beeinflusste durch seine Zeitschriften (neben den schon genannten »Rinascita«, 1938-44), durch seine historischen und kulturkritischen Werke das italienische Geistesleben jahrzehntelang erheblich. Nach dem Ersten Weltkrieg propagierte die römische Zeitschrift »La Ronda« (1919-23) gegen die Rhetorik D'Annunzios die Rückkehr zu den großen Traditionen der italienischen Literatur, während die florentinische »Solaria« ausländische und junge Autoren bekannt machte. Die Literaturkritik der ersten Jahrhunderthälfte beherrschte B. Croce durch seine Zeitschrift »La Critica« (1903-44).
 
In der Erzählprosa beginnt die moderne italienische Literatur mit L. Pirandello, der zwar an die Traditionen des 19. Jahrhunderts anknüpfte, aber alles Überkommene mit kritischen Gestus hinterfragte. Die nachhaltigste, wenn auch späte Wirkung ging von dem Triester I. Svevo aus, der am Beginn des italienischen psychologischen Romans steht. F. Tozzis Romane und Erzählungen, 1910-20 entstanden und ebenfalls erst spät wieder entdeckt, tragen expressionistische Züge. Während diese drei Autoren Außenseiter des literarischen Lebens waren, zielte F. T. Marinetti auf Öffentlichkeit. Er begegnete den technischen und sozialen Umbrüchen des neuen Jahrhunderts mit dem »Manifesto del Futurismo« (1909) und wurde damit zum Begründer einer der großen europäischen Avantgarde-Bewegungen, dem Futurismus. Der Bruch mit allen künstlerischen Traditionen, die Verherrlichung der Technik und ihre Integration in die Kunst ließ Marinetti später zum überzeugten Anhänger des Faschismus werden.
 
Eine andere Antwort auf den Ästhetizismus D'Annunzios gaben zum einen die Crepuscolari, die in der Nachfolge Pascolis der Lyrik den Alltag und die kleinen Dinge erschlossen (S. Corazzini, G. Gozzano u. a.), sowie jene Autoren, die sich in ihrer »hermetischen« Dichtung einfachen Sinndeutungen, aber auch der offiziellen Ideologie verweigerten. Die lyrischen Individualitäten von G. Ungaretti, E. Montale, S. Quasimodo und U. Saba prägten diese Richtung mit unterschiedlichen Handschriften aus. Wichtige Anregungen erhielten die Crepuscolari von der dunklen Symbolik der Verse D. Capuanas.
 
Anders als in Deutschland bedeutete die faschistische Machtergreifung in Italien nicht eine totale Gleichschaltung des kulturellen und geistigen Lebens, es gab keine Massenemigration der Intellektuellen, offene Repressalien (wie bei A. Gramsci, C. Malaparte) blieben eher die Ausnahme. Oppositionelle Autoren wurden in entlegene Gebiete verbannt (wie C. Levi, Natalia Ginzburg). Die Schriftsteller und Künstler wurden durch die »Reale Accademia d'Italia« an den faschistischen Staat gebunden. Die Meinungsvielfalt in den zahlreichen Zeitschriften bot allerdings kaum grundsätzliche Kritik des Faschismus, vielmehr kreiste die intellektuelle Diskussion um die Priorität nationaler beziehungsweise regionaler Werte vor Weltoffenheit. M. Bontempelli suchte den Anschluss an die internationale Moderne zu halten, auch E. Gadda veröffentlichte experimentelle Texte; andere Autoren zogen sich in Neoklassizismus zurück. In der Dramatik ist die überragende Gestalt Pirandello, sein antiillusionistisches Spiel beeinflusste über E. Ionesco das absurde Theater.
 
Die vorherrschende Literaturgattung seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war jedoch der Roman. Hier zeigt sich ein Charakteristikum der italienischen Literatur besonders deutlich: Die Schriftsteller sind stark von ihrer regionalen Herkunft geprägt, ihre Stoffe erwachsen aus Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat: So erzählt Svevo von Triest, R. Bacchelli von der Poebene um Ferrara, B. Cicognani von Florenz, Grazia Deledda von Sardinien, C. Alvaro von Kalabrien und schließlich A. Moravia von Rom.
 
Antifaschistische Haltungen wurden seit Mitte der 30er-Jahre in der Erzählprosa verschiedener namhafter Schriftsteller sichtbar (u. a. I. Silone, Alvaro, C. Bernari, E. Vittorini), sie nahmen zu mit der engeren Anbindung Italiens an das nationalsozialistische Deutschland, v. a. aber mit dem Kriegseintritt Italiens (1940), damit auch das Engagement der Intellektuellen in der Resistenza. Von den literarischen Verarbeitungen der Resistenza sind zu nennen C. Levis »Cristo si è fermato a Eboli« (1945), Vittorinis »Uomini e no« (1945) und Natalia Ginzburgs »Inverno in Abruzzo« (1944).
 
Der Neubeginn nach Kriegsende stand stilistisch im Zeichen des Neorealismus. Diese Richtung, die die schonungslose Wiedergabe der Wirklichkeit praktizierte, war vorbereitet worden durch Moravias Roman »Gli indifferenti« (1929) und wurde massenwirksam durch die Verbindung mit dem Medium Film (bedeutende Vertreter in der Literatur u. a. L. Bartolini, F. Jovine, Moravia, V. Pratolini, Natalia Ginzburg). Die Autoren waren in der Nachkriegszeit bemüht, Provinzielles abzustreifen, v. a. durch die Verarbeitung französischer und amerikanischer Vorbilder. Beherrschende Gestalten des literarischen Lebens waren Vittorini und C. Pavese, in der Dramatik U. Betti und D. Fabbri, die moralischen Probleme aus katholischer Sicht darstellten.
 
Mit Beginn der 50er-Jahre verlor die neorealistische Perspektive an Bedeutung. Das Werk I. Calvinos steht für neue Tendenzen in der italienischen Literatur; das Aufbrechen linearer Strukturen, das Einbeziehen fantastischer und surrealistischer Elemente. Ähnliches findet sich bei D. Buzzati, im Spätwerk A. Palazzeschis, bei Elsa Morante, E. Gadda und T. Landolfi. Die sozialkritischen Intentionen bleiben - nun unter den Bedingungen der Nachkriegsgesellschaft - erhalten, werden aber grotesk verfremdet (P. Volponi, G. Parise). Im Werk P. P. Pasolinis gehen Gesellschaftskritik, gesuchte Provokation und allegorische Überhöhung eine enge Verbindung ein. Das Thema Resistenza wurde noch in den 60er-Jahren in zahlreichen traditionell erzählten Romanen verarbeitet (so von B. Fenoglio, G. Bassani, Alba De Céspedes und C. Cassola). Daneben entstanden wieder eng an bestimmte Regionen gebundene Romane und Erzählungen, besonders eindrucksvoll sind jene, deren Gegenstand die Problematik des Mezzogiorno ist (Jovine, L. Sciascia, V. Consolo, D. Rea, die dokumentarischen Texte von D. Dolci). Am erfolgreichsten, auch im Ausland, war G. Tomasi di Lampedusas Roman »Il gattopardo« (herausgegeben 1958), ein wehmütiger Rückblick auf die Welt des sizilianischen Adels am Ende des 19. Jahrhunderts.
 
In der Nachkriegslyrik dominierte zunächst noch der Hermetismus; neben den großen Dichtern der Zwischenkriegszeit (Ungaretti, Montale, Quasimodo) sind Giorgio Caproni (* 1912), M. Luzi und Vittorio Sereni (* 1913, ✝ 1983) zu nennen. Eine ästhetische Neuorientierung wurde um 1960 offenkundig. Unter amerikanischem Einfluss (v. a. E. Pound) öffnete sich zuerst die Lyrik experimentellen Schreibweisen. Die Anfang der 60er-Jahre veröffentlichten Gedichte von Nanni Balestrini (* 1935), Elio Pagliarini (* 1927) und Antonio Porta (* 1935, ✝ 1989) brachen mit herkömmlichen lyrischen Formen und Inhalten. Profiliertester Vertreter dieser »Neoavantgarde« war jedoch E. Sanguineti, der mit »Laborintos« bereits 1956 das erste experimentelle Werk der italienischen Literatur veröffentlicht hatte. Die Neoavantgardisten sammelten sich im Gruppo '63. Beeinflusst vom französischen Tel Quel, aber auch von G. W. F. Hegel, T. W. Adorno und W. Benjamin, strebten sie eine Erneuerung der gesamten Literatur an: Neben experimentellen Romanen (nach dem Vorbild des französischen Nouveau Roman schrieben z. B. G. Manganelli und L. Malerba) standen intensive literaturkritische Disussionen. Außerhalb dieser Gruppe steht Cristina Campo (* 1923, ✝1977) mit ihren klangschönen, suggestiven Gedichten.
 
Die 70er-Jahre brachten eine Renaissance der erzählenden Literatur in verschiedenen Spielarten: Nanni Balestrinis Darstellung der Arbeitswelt knüpft an den Neorealismus an; die literarische Aufarbeitung von Faschismus und Krieg gewinnt noch einmal an Bedeutung (Moravia, Elsa Morante, P. Levi, R. Bilenchi); Gianni Celatis (* 1937) Novellen artikulieren in karger Sprache die Entfremdung des Menschen, spielerische Umgang mit überkommenen Strukturen machte Calvinos »Se una notte d'inverno un viaggiatore« (1979) zu einem großen, auch internationalen Erfolg. Wesentliche lyrische Veröffentlichungen kamen in dieser Zeit u. a. von Giovanni Giudici (* 1924), Amelia Rosselli (* 1930, ✝1996), v. a. aber von Andrea Zanzotto, der versucht, über die Sprache zum Unbewussten vorzudringen.
 
Das italienische Theater blieb - vielleicht auch, weil sich die großen dramatischen Talente des Landes dem Film zuwandten (M. Antonioni, B. Bertolucci, F. Fellini, Pasolini) - lange Zeit von Provinzialismus befangen. G. Testoris Bearbeitungen antiker Vorlagen unter nihilistischem Aspekt folgen französischen Mustern. Die Suche der Neoavantgarde nach neuen Formen fand kaum Resonanz beim Publikum (Pagliarini, Nanni Balestrini, Sanguineti). Neue, originelle Impulse kamen vom Dialekttheater, v. a. von den neapolitanischen Volksstücken E. De Filippos, und von den satirisch-burlesken Spektakeln D. Fos (»Mistero buffo«, 1969, war in den 70er-Jahren das am häufigsten gespielte Stück in Italien).
 
Die italienische Erzählprosa der 80er-Jahre wurde eingeleitet durch den spektakulären Erfolg von U. Ecos Roman »Il nome della rosa« (1980). Dieser trug dazu bei, dass der italienischen Literatur insgesamt mehr internationale Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Auch die von der Kritik »giovani scrittori« (»junge Schriftsteller«) genannten Autoren, A. De Carlo (* 1952), D. Del Giudice (* 1949), A. Tabucchi und P. V. Tondelli, nutzen im Sinne von Postmoderne und Dekonstruktivismus vielfältige Zeichen, Zitate und Anspielungen, um die Wirklichkeit erzählerisch zu erfassen. Dabei sind sie weniger von Eco als von Calvino beeinflusst. Gleichzeitig war eine Renaissance des historischen Romans zu beobachten, die sich in den 90er-Jahren fortsetzte (Gesualdo Buffalino [* 1920, ✝ 1996], Dacia Maraini, S. Vassalli), wichtige Autoren der älteren Generation nutzten gleichfalls die historische Folie, um Probleme der italienischen Gegenwart zu reflektieren (L. Malerba). Auch in der Gegenwart schöpfen viele Autoren ihre Stoffe und Themen aus ihrer regionalen Herkunft (F. Camon, Vincenzo Consolo [* 1933], Anna Maria Ortese, Mariateresa Di Lascia [* 1954, ✝ 1994], Fulvio Tomizza [* 1935]).
 
Daneben hat die zeitgenössische italienische Literatur intellektuell anspruchsvolle, aber unterhaltsame Prosawerke hervorgebracht, die das breite Spektrum von den geistreichen Kriminalromanen des Autorenduos C. Fruttero und F. Lucentini über die philosophische Exkurse von L. De Crescenzo, die liebenswürdig-grotesken Geschichten M. Lodolis, die anspielungsreiche, skurrile Prosa Ermanno Cavazzonis (* 1947) bis zu den Frauenromanen Susanna Tamaros umfassen.
 
Die italienische Lyrik der Gegenwart bietet kein so vielseitiges, originelles Bild. Sie knüpft meist an historische Vorbilder an (so Roberto Pazzi [* 1966] an die Crepuscolari, Roberto Mussapi [* 1952] an den Symbolismus). Auf einfache, aber eindringliche Bilder greifen Valerio Magrelli (* 1957) und Paolo Di Stefano zurück, hochartifizielle Sonette stammen von Patrizia Valduga (* 1953).
 
Seinen eigenständigen Beitrag im Bereich der Literatur liefert Italien zweifellos durch die außergewöhnliche Erweiterung der Methodologie der literarischen Kritik (z. B. durch Eco, Gianfranco Contini [* 1912], Maria Corti [* 1915], Cesare Segre [* 1928]). Angeregt v. a. durch die Thesen der französischen Strukturalisten, gelangte die italienische Literaturkritik auch zu einer Ausweitung des Literaturbegriffs, der Literarisches als Demonstration aller Zusammenhänge zwischen Schreiben und Wirklichkeit auf der Basis einer spezifisch sprachlich-rhetorischen Durchformung auffasst. Auf der Ebene der Sprache wird damit der Gegensatz von Form und Inhalt aufgehoben, und das literarische Kunstwerk, das das Element des Spielerischen mit einbezieht, wird zum »Sprachabenteuer«, zum »lexikographischen Artefakt« (A. Guglielmi), verschmolzen mit Darstellungstechnik und ideologischer Vision.
 
 
Bibliographien und Allgemeines:
 
Repertorio bibliografico della letteratura italiana, hg. v. U. Bosco, 3 Bde. (Florenz 1953-69);
 P. Mazzamuto: Rassegna bibliografico-critica della letteratura italiana (ebd. 31970);
 M. D'Ambrosio: Bibliografia della poesia italiana d'avanguardia. Poesia visiva, visuale, concreta e fonetica (Rom 1977);
 C. Manzoni: Biografia italica. Saggio bibliografico di opere italiane a stampa per servire alla biografia degli italiani (Osnabrück 1981);
 A. Stussi: Avviamento agli studi di filologia italiana (Bologna 1983);
 H. W. Wittschier: Die i. L. Einf. u. Studienführer (31985);
 M. Puppo: Manuale critico-bibliografico per lo studio della letteratura italiana (Turin 141987);
 
Bibliografia generale della lingua e della letteratura italiana, hg. v. E. Malato, auf mehrere Bde. ber. (Rom 1994 ff.).
 
Nachschlagewerke:
 
Dizionario enciclopedico della letteratura italiana, hg. v. G. Petronio, 6 Bde. (Bari 1966-70);
 
Dizionario della letteratura italiana contemporanea, hg. v. E. Ronconi (Florenz 1973);
 
Dizionario della letteratura italiana, hg. v. E. Bonora, 2 Bde. (Mailand 1977);
 
G. Contini: Schedario di scrittori italiani moderni e contemporanei (Florenz 1978);
 
Dictionary of Italian literature, hg. v. P. E. u. J. C. Bondanella (Westport, Conn., 1979);
 
Dizionario Motta della letteratura contemporanea, hg. v. E. Bazzarelli, 4 Bde. (Neuausg. Mailand 1982);
 
Dizionario critico della letteratura italiana, hg. v. V. Branca, 3 Bde. (Neuausg. Turin 1986).
 
Gesamtdarstellungen:
 
K. Vossler: Ital. Literaturgesch. (41927; Nachdr. 1948);
 
F. De Sanctis: Gesch. der i. L., 2 Bde. (a. d. Ital., 1941-43);
 
H. Friedrich: Epochen der ital. Lyrik (1964);
 
C. Cappuccio: Storia della letteratura italiana (Florenz 41967);
 
B. Croce: La letteratura italiana. Per saggi storicamente disposti, 4 Bde. (Bari 4-91969-71);
 
La letteratura italiana. Storia e testi, hg. v. C. Muscetta, auf zahlr. Bde. ber. (Bari 21970 ff.);
 
Storia della letteratura italiana, hg. v. G. Getto u. a. (Rom 1972);
 
G. Pullini: Il romanzo italiano del dopoguerra (Neuausg. Padua 1976);
 
C. Cairns: Italian literature. The dominant themes (New Abbott 1977);
 
Letteratura e storia della letteratura, hg. v. M. Pazzaglia (Bologna 1978);
 
Storia della letteratura italiana, hg. v. E. Cecchi u. a. (Neuausg. Mailand 1979);
 
A. Momigliano: Storia della letteratura italiana. Dalle origini ai nostri giorni (Neuausg. ebd. 81980);
 
Teorie e realtà della storiografia letteraria, hg. v. G. Petronio (Rom 1981);
 
Letteratura italiana, hg. v. A. Asor Rosa, 9 Bde. (Turin 1982-93);
 
Précis de littérature italienne, hg. v. C. Bec (Paris 1982);
 
N. Sapegno: Compendio di storia della letteratura italiana, 3 Bde. (Neuausg. Florenz 1983);
 
W. T. Elwert: Ital. Metrik (21984);
 
Letteratura italiana, hg. v. P. Cudini (Mailand 1988);
 
G. Petronio: Gesch. der i. L., 3 Bde. (a. d. Ital., 1992-93);
 
Ital. Literaturgesch., hg. v. V. Kapp (21994);
 
J. Hösle: Kleine Gesch. der i. L. (1995).
 
 
P. Stoppelli u. A. Tartaro: La letteratura minora del Trecento (Neapel 1970);
 
W. T. Elwert: Die i. L. des MA. Dante, Petrarca, Boccaccio (1980);
 
A. Tartaro: Forme poetiche del Trecento (Neuausg. Rom 1980);
 
A. Tartaro: La letteratura civile e religiosa del Trecento (Neuausg. ebd. 1981);
 
Die i. L. im Zeitalter Dantes u. am Übergang vom MA. zur Renaissance, hg. v. A. Buck, 2 Bde. (1987-89).
 
15. und 16. Jh.:
 
G. Toffanin: Il Cinquecento (Mailand 51954);
 
Il Quattrocento, bearb. v. A. Tartaro u. a., 2 Bde. (Bari 1971-72);
 
L. Baldacci: Il petrarchismo italiano nel Cinquecento (Neuausg. Padua 1974);
 
M. Aurigemma: Lirica, poemi e trattati civili del Cinquecento (Neuausg. Bari 1982);
 
E. Garin: L'Umanesimo italiano (ebd. 91984);
 
Ritterepik der Renaissance, hg. v. K. W. Hempfer (1989).
 
17. und 18. Jh.:
 
R. Dellepiane: Cultura e letteratura del Barocco (Turin 1973);
 
M. Fubini: Dal Muratori al Baretti. Studi sulla critica e sulla cultura del Settecento, 2 Bde. (Neuausg. Bari 1975);
 
W. Binni: Classicismo e Neoclassicismo nella letteratura del Settecento (Neuausg. Florenz 1976);
 
G. Compagnino: Gli illuministi italiani (Neuausg. Bari 1979);
 
A. Gareffi: Le voci dipinte. Figura e parola nel Manierismo italiano (Rom 1981);
 
E. Bonora: Parini e altro Settecento. Fra Classicismo e Illuminismo (Mailand 1982);
 
E. Raimondi: Letteratura barocca. Studi sul Seicento italiano (Neuausg. Florenz 1982).
 
19. und 20. Jh.:
 
A. Balduino: Letteratura romantica dal Prati al Carducci (Bologna 1967);
 
G. Barberi Squarotti: La narrativa italiana del dopoguerra (ebd. 1968);
 
W. Binni: La poetica del Decadentismo italiano (Florenz 41968);
 
Aspekte objektiver Literaturwiss. Die ital. Literaturwiss. zw. Formalismus, Strukturalismus u. Semiotik, hg. v. V. Kapp (1973);
 
B. Croce: Letteratura della nuova Italia, 6 Bde. (Neuausg. Bari 1973-74);
 
M. Fubini: Romanticismo italiano (ebd. 31973);
 
M. Puppo: Poetica e critica del Romanticismo (Mailand 1973);
 
I. L. der Gegenwart. In Einzeldarst., hg. v. J. Hösle u. a. (1974);
 
Letteratura dell'Italia unita; 1861-1968, bearb. v. G. Contini (Neuausg. Florenz 1975);
 
G. Debenedetti: Il romanzo del Novecento (Mailand 1976);
 
G. Manacorda: Storia della letteratura italiana contemporanea; 1940-75 (Rom 41981);
 
Il piacere della letteratura. Prosa italiana dagli anni 70 a oggi, hg. v. A. Guglielmi (Mailand 1981);
 
A. Russi: La narrativa italiana dal neosperimentalismo alla neoavanguardia; 1950-1983 (ebd. 1983);
 
W. Binni: La poetica del decadentismo italiano (Florenz 61984);
 
J. Hösle: I. L. des 19. u. 20. Jh. in Grundzügen (21990);
 
Konstruktive Provinz. I. L. zw. Regionalismus u. europ. Orientierung, hg. v. H. Harth u. a. (1992);
 
M. Lentzen: Ital. Lyrik des 20. Jh. (1994).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Ariosto: »Orlando furioso« und das Renaissanceepos in Italien
 
Boccaccio und die Novelle
 
Dante Alighieri: Göttliche Komödie - Der geistige Kosmos des Mittelalters
 
Futurismus in der Literatur: »Tod dem Mondenschein!«
 
italienische Literatur: Dichtung und Risorgimento - Foscolo, Manzoni, Leopardi
 
italienische Literatur: Im Spannungsfeld von Aufklärung und Klassizismus - Parini, Goldoni, Alfieri
 
sizilianische Dichterschule und Dolce stil nuovo
 

Universal-Lexikon. 2012.

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